Das Stadttheater
Beckum
Ein Zeitzeuge dieses Jahrhunderts
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„Es war zweifellos ein großzügiger Entschluss,
als der Gastwirt, Hotelier und Brennereibesitzer Ferdinand Frölich daranging, dem vorhandenen ansehnlichen Gebäudekomplex
seiner Besitzung noch einen großen Saalbau anzugliedern, und die Eröffnung
dieses Saales war ebenso zweifellos ein großes Ereignis. Weit und breit
gab es keinen Saal dieser Größe, der 1000 und mehr Personen fasste,
und so wurde der Frölich’sche Saal bald ein
Begriff, nicht bloß in Beckum, sondern auch für das ganze Kreisgebiet.“ Als Benno Frölich dies in seiner Familienchronik schreibt, sind bereits
49 Jahre vergangen, nachdem sein Vater um 1900 den ersten Grundstein
zum Bau des Saales gelegt hatte. Ein Jahr später, am Und wenn Franz
Blömeke des Kaisers Geburtstag feierte, Karl Zurhorst mit den Sebastinaer- Schützen
in einer großen Polonäse bis zum Markt zog,
Hedwig Schrulle den Zirkus besuchte, Hugo Lütke
Möbel kaufte, Helene Schulte an der großen Volksmission teilnahm, Franz
Schmiebusch Reichskanzler Brünings
Rede in Beckum hörte, Ferdinand Frölich von
großen Saalschlachten zu berichten weiß, Alfred Schwarze bei einer Karnevalssitzung
am Seil durch den ganzen Raum flog, Theo Plote
am Reck turnte, Stefan Kröger dem Sängerbund
lauschte, so sind dies verschiedene Begebenheiten, die eines nur gemeinsam
haben: sie trugen sich alle an ein und dem selben Ort zu, im alten Frölich'schen
Saal. 50 Pfennige zahlte
man für ein Viertelpfund Bohnenkaffee und einen halben Liter Milch.
Oder für einen halben Liter gewöhnlichen Schnaps. 50 Pfennige zahlte
man für eine Meisterstunde. Oder soviel bekam
der Friseur für fünfmal Haarschneiden. 54.000 Mark zahlte Ferdinand
Fröhlich für seinen Saalbau. Mit dem Geld hätte man über 100 vierköpfige
Familien ein Jahr lang ernähren können. So wurde auf Frölichs
feuchtem Weideland ein Saal errichtet, dessen Grundfläche nahezu 1.000
Quadratmeter umfasste. Ein Auszug aus
der Baubeschreibung "Baugesuch
des Gastwirts Ferdinand Frölich vom 26.3.1900
Außenmaße 20,80m x 41,44m = 861,95qm Grundfläche außerdem angebaute
Bühne und "Bedürfnisanstalten" 6,88m x 16,30m = 112,14qm Grundfläche
"Vom vorderen Eingang aus sind die ersten 5,00 Meter quer durchs
Gebäude als Nutzraum gerechnet, und zwar Küche mit Speisekammer und
Keller, über diese vorgenannten Räume, welche durch eine massive 0,40
Meter starke Mauer vom eigentlichen Saal getrennt sind, wird auf eine
Höhe vom 3,35 Meter und 2,00 Meter Breite eine Galerie gebildet und
ein Podium für Musik von 8,00 Meter Länge und 2,00 Meter Breite nach
dem Saal zu ausgekragt mit fester Schutzlehne
nach dem Saale. Die Galerie nebst Podium hat eine Grundfläche von 20,00m
x 5,00m + 8,00m x 2,00m = 116qm. Der Aufgang zur Galerie nebst Podium
liegt neben dem Haupteingang, die Treppe ist 1,40m breit mit fester
2 seitiger Handlehne.
Der Saal hat eine Grundfläche von 35,00m Länge 20,00 Meter Breite =
700qm. Diese Fläche ist durch 2 Säulenstellungen in 3 Abteilungen getrennt,
wovon die beiden seitlichen je 4,50m breit gegen den mittleren Flur
um 0,15m höher liegen und sollen als Sitzplätze dienen, wogegen die
mittlere Fläche 11,00m breit auch als Tanzraum dienen soll" Die
Bühne in Anbau , welche 1,20m höher liegt wie Flur und Saal hat eine
Größe von 7,00m Länge 9,00m Breite = 63qm Grundfläche bei 4,00 resp.
4,85m Höhe. Der Zugang zur Bühne ist vom Saale aus durch Flur mit eingelegter
Treppe von 1,00m Breite. Neben der Bühne liegt auf jeder Seite in Höhe
der Bühne ein 12,00qm großes Ankleidezimmer und auf der Zugangsseite
ein Abort. Auf jeder Seite neben der Bühne befinden sich mit Flur in
Saalebene die Bedürfnisanstalten links für Damen, rechts für Herren.
Der Zugang ist vom Saal aus mit eingebauten Vorplatz und sind für Damen
3 Sitze vorgesehen, für Herren 3 Sitze und 5 Stände; die für Herren
ist auch von außen (vom Garten aus) zu betreten. Die nötigen Gruben
werden zementiert und für genügende Lüftung Abführung der Gase Sorge
getragen." "Die Beleuchtung wird durch elektrisches Licht
hergestellt. Eine Brauerei nebst Brandweinlager
liegen 21 Meter vom Saalgebäude entfernt. Die Kulissen werden aus Leinwand
hergestellt und mit Ölfarbe gestrichen. Versammlungen werden nicht abgehalten,
dagegen zwei bis drei Aufführungen, Konzerte und Bälle finden statt.
Verschläge unter Treppen sowie feste Sitzplätze sind nicht vorhanden. Es wurde gefeiert Welches Ausmaß
die Feste hatten zeigt ein Ausschnitt eines Briefes der Köchin Catharina
Arnsberg an Hedwig Frölich nach dem alljährlichen
Tierschaufest der Züchtervereinigung: Brief vom 13.8.1912 Liebe Hedwig! ... "Zum Tierschaufest,
welches in Eurem Saal gefeiert wurde, hatten wir 650 Personen zum Essen;
1500 Koteletts haben wir gemacht, 80 Pudding, 70 Schüsseln wurden jedes
Mal angerichtet. Erst gab es Suppe mit Klößen, dann Rindfleisch mit
Zwiebelsoße, Gurkensalat, Wurzeln, Erbsen, Koteletts, Kalbs- und Sauerbraten,
Schweizer Pudding, Pflaumen und feine Torten. Der erste Weltkrieg Mit dem Ausbruch
des 1. Weltkrieges wurden selten noch Feste gegeben, selbst des Kaisers
Geburtstag wurde nur mit einer schlichten Feier im Saal mit Vorträgen,
Gesängen, Ansprachen und Lichtbildern gedacht. Einzig die am Große Volksversammlungen
und Wahlveranstaltungen prägten das Bild der frühen Nachkriegszeit.
Vor allem das katholische Zentrum, aber auch die Deutschen Demokraten
und die Sozialdemokraten warben für die 1. Nationalversammlung. Die
Wahlbeteiligung betrug fast 95%, der Saal war rappelvoll und blieb es
auch. Allein zu einer Versammlung der Forst- und Waldarbeiter kamen
über 1.000 Menschen Die Behelfskirche Eine ganz andere
Geschichte wurde im Herbst 1919 begonnen. Im März hatte der Kirchenvorstand
und der Kirchengemeinderat beschlossen, für die 11.000-Seelen-Gemeinde
neben der Stephanus-Kirche eine Notkirche im Saal Samson-Frölich
zu errichten. Bis zur Einweihung der Marienkirche, der späteren Liebfrauenkirche
am Der Saal hatte
keine 14 Tage seine Funktion als Behelfskirche verloren, als dort wieder
getanzt wurde. Das Möbellager In der Inflationszeit
wurde der Raum ein weiteres Mal seiner eigentlichen Bestimmung beraubt.
Bernhard Tingelhoff und Arnold Vester gründeten die Beckumer Möbelhandlung. Ihr Holzlager
und Verkaufsraum fand für Jahre Platz im Frölich'schen
Saal. Erst geraume Zeit nach dem Konkurs der Firma wurde in dem Saal
wieder gefeiert. Jetzt vor allem das neue Sebastianer-Schützenfest,
seit Mitte der 30er Jahre auch wieder Karnevalssitzungen neben Ausstellungen
und politischen Versammlungen. Der zweite Weltkrieg Der 2. Weltkrieg
setzte einen tiefen Einschnitt. Noch vor Kriegsausbruch, Anfang 1939,
verfügte die Reichsstelle für Getreide in Berlin, den Saal mit Getreide
zu belegen. Gegen Ende des Krieges kamen schwere Teile militärischer
Abteilungen im vorderen Abschnitt hinzu. Auch Schlauchboote der Wehrmacht,
dann große Kabelrollen bis zu 2m Durchmesser wurden gelagert. Nach dem
Einmarsch der US-Truppen wurden die Besitzungen rund um das Osttor requiriert,
im Saal vorübergehend Lebensmittel verstaut. Ein Versorgungsdepot konnte
nicht errichtet werden. Zum baulichen Zustand gibt das Gutachten des
Beckumer Stadtbaumeisters vom "...Das Dach
hatte mehrere undichte Stellen, Niederschlagswasser drang ein. Durch
die enorme Belastung mit militärischen und fernmeldetechnischen Geräten
war der Saalfußboden fast restlos zerstört. Die Küchenräume und Kochanlagen
waren soweit verfallen, die Toiletten und sanitären Einrichtungen so
verkommen, daß die Vorhaben, 1944 Evakuierte aus dem Rheinland und 1945
die Ostvertriebenen im Saal unterzubringen, fallen gelassen werden musste..." Der Neuanfang Trotz der großen
Schäden legten Ferdinand Frölichs Söhne Fritz
und Benno bereits im Oktober 1946 Pläne zur Wiederinstandsetzung des
Gebäudes vor. Die Reparaturarbeiten konnten sofort begonnen werden,
ein Umbau wurde aufgrund alliert-behördlicher Verbote erst am 22.12.1947 genehmigt;
die Kosten durften 50.000 Reichsmark nicht überschreiben. Als Architekt
wurde der Düsseldorfer Alfons Nehaus eingesetzt.
Nehaus, der bereits 1932 das Deli-Lichtspiel
in der Hühlstraße errichtete, veränderte an
der äußeren Ansicht nur wenig, legt dem Saal Kassenhalle und Foyer vor,
versetzte Garderoben und Toiletten, zog eine zweite Decke durch den
Saal, unterteilte ihn in Parkett, Sperrsitze, Loge und Balkon, der aus
der ehemaligen Galerie entstand. 750 Holz- und Polsterklappstühle wurden
fest installiert. Die feierliche
Eröffnung Im November 1949
fand die feierliche Wiedereröffnung des alten Frölich'schen
Saales statt. Als "Stadttheater Beckum" ging er in das 50.
Jahr seiner Geschichte. Fünfmal wöchentlich liefen Filme, zwei Tage
waren für Theater- und Musikveranstaltungen vorgesehen. Die Einweihung
des Hauses wurde zu einem bedeutenden Ereignis: man "war überrascht
von der Großzügigkeit, der noblen Stimmung und der Festlichkeit des
weiten Raumes", man "dankte für die Errichtung des prachtvollen
Theaterbaus" man "beglückwünschte die Stadt zu dieser herrlichen
Kulturstätte, die im ganzen Münsterland nicht ihres gleichen hat" Die Entbehrungen
und Verluste des 2. Weltkrieges ließen das Stadttheater noch glanzvoller
erscheinen, als es ohnehin schon war. Die Gedanken, die den damaligen
Zuschauer bewegten, umrissen wohl Beckums Bürgermeister Dr. Dr. Max
Hagedorn und Stadtdirektor Dr. Jütten am ehesten,
als sie schrieben, "...dass wir
etwas tun müssen nicht nur gegen die Sorgen unseres Alltages, sondern
ebenso gegen die Verkümmerung und Verflachung, die unser geistiges und
seelisches Leben bedrohen. Es gilt, die Liebe zur Kunst, die Freude
am Schönen, die Lust an der geistigen Auseinandersetzung zu pflegen,
zu erhalten und wieder zu wecken, wo sie verschüttet wurde" Die erste Spielzeit In der ersten Spielzeit
gab es "Tosca", "Rigoletto", "Die Zauberflöte",
"Die Fledermaus", den "Troubadour", "Don Carlos",
"Unsere kleine Stadt", "Die Csardasfürstin" zu sehen
und zu hören. Den weitaus größten Teil des Stadttheaterprogramms bestritt
dabei die Städtische Bühne Münster. Weiterhin traten der Sängerbund
auf, der Musikverein Beckum gab Haydns "Schöpfung", der Heinrich-Schütz-Kreis
brachte Bachs "Matthäus Passion", die Niederdeutsche Bühne
spielte plattdeutsche Stücke. Das Stadttheater
Beckum wurde der kulturelle Mittelpunkt des Kreises Beckum. Der erneute Verfall Die ganze Herrlichkeit
währte jedoch kaum sechs Jahre. Die Städtischen Bühnen Münster bauten
ihr neues Theater. Die Bühne des Stadttheater war zu klein, als dass
Beckum weiter bespielt werden könnte. Doch anstatt die bestehende Anlage
zu vergrößern, bauten man neu. Georg Pflüger, pikanterweise 1953 Pächter
des Stadttheaters, errichtete an der Nordstraße das Burgtheater. Mit
der Spielzeit 55/56 fanden dort die städtischen Kulturveranstaltungen
statt. Das Stadttheater geriet ins Abseits. Der neue Pächter,
Georg Wandtke, baute bereits im Oktober 1955
das Theater um. Er trennte Balkon von Loge, Sperrsitze und Parkett ab,
unterteilte den Saal in ein großes (500 Plätze) und ein kleines (200
Plätze) Lichtspielhaus. Dem Anstieg der produzierten Filme und dem allmählichen
Rückgang der Zuschauerzahlen sollte begegnet werden. Das Fernsehen kam
auf. Die Größe und Gesamtheit dies Raumes wurde letztlich völlig zerstört,
als nach Robert Knepper Klaus Budde
das Stadttheater pachtete. Man zog durch die Kassenhalle und das Foyer
eine Mauer, nutze einzig noch den rechten Eingang, später auch nur noch
den kleinen Saal als Studio mit 88 Plätzen, würdigte selbst das noch
zum Pornokino herab. Die Kulturinitiative
Filou Als zu Beginn des
Jahres 1983 vornehmlich Schüler, bei der Suche nach einem geeigneten
Veranstaltungsort, auf das altehrwürdige, verkommene Haus am Lippweg
stießen, bot sich ihnen ein wahrhaft trostloses Bild: demontierte technische
Anlagen, unverputzte Mauern, zerschlagene Fenster, von den Wänden sich
lösende Tapeten, Feuchtigkeitsschäden, Berge von zerschlissenen Stühlen,
auf der Bühne aufgetürmt, ein völlig verwahrloster großer Saal. Mit
wenig Geld, viel Arbeitsaufwand und noch mehr Idealismus wurde der Bau
Stück für Stück renoviert. Am Ein wahrer Zeitzeuge So schrieb Benno
Frölich schon 1950 in seiner Familienchronik: "Wüsste man
nur das, was mit diesem Saal geschehen ist, so hätte man in großen Zügen
ein Bild des Geschehens der Stadt Beckum, vor allem aber ein Spiegelbild
des Zeitgeschehens |